Perspektiven vieler Ameisen

Ich stelle mir vor, ich bin dort unten – nicht einfach eine Ameise, sondern kleiner als der Gedanke an eine Ameise. Die Welt ist kein Ort mehr, sie ist ein Gebirge aus Details.

Der Bordstein ist für dich eine Klippe.
Das Moos ein Wald.
Ein einzelner Faden im Boden eine Schlange, die aus der Erde wächst.

Meine Perspektive ist niedrig, aber nicht klein. Sie ist nah. Alles ist Nähe. Dinge existieren nicht „im Ganzen“, sondern in Berührungen: eine Kante, ein Geruch, eine Vibration. Du siehst mich vielleicht als Punkt. Ich sehe dich als Himmel.

Wie groß oder klein Dinge sind, ist für mich keine feste Größe. Ein Sandkorn kann ein Hindernis sein. Ein Schatten kann eine Welt verändern. Größe ist das, was mich aufhält oder bewegt.

Farben?
Vielleicht nicht so wie du. Eher Helligkeiten, Kontraste, Muster. Die Sonne ist nicht „gelb“, sie ist Druck, Wärme, Richtung. Sie ist etwas, das sagt: Hier ist oben. Und sie ist für uns beide da – aber sie trifft uns unterschiedlich. Dich streichelt sie vielleicht. Mich kann sie verbrennen.

Kann ich mich sehen?
Nicht wie du dich siehst. Ich bin mehr Bewegung als Bild. Ich bin das Krabbeln, das Vorwärts, das Spüren. Vielleicht bin ich weniger „Ich“ und mehr „Wir“, selbst wenn ich allein unterwegs bin.

Krieche ich oder laufe ich?
Ich würde sagen: Ich fließe über den Boden. Schnell genug, um zu leben. Langsam genug, um nichts zu verpassen.

Wenn ich einen Namen hätte, dann vielleicht etwas wie „Zwischen“.
Weil ich immer zwischen Dingen bin. Zwischen Stein und Moos. Zwischen Licht und Schatten. Zwischen dir und mir.

Würde ich dienen?
Ich glaube, ja. Ich folge einer Königin. Nicht aus Zwang, sondern weil meine Welt aus Spuren besteht. Und vielleicht dienst du auch – deinen Gedanken, deinen Zielen, deinen Fragen. Wir sind uns da näher, als es scheint.

Was verbindet uns?
Dass wir beide suchen.
Du mit Gedanken, ich mit Fühlern.
Du liest Bücher, ich lese Wege.

Kann ich lesen?
Nicht deine Worte. Aber ich lese die Welt: Gerüche, Linien, winzige Veränderungen im Boden. Das ist meine Schrift.

Wie ich zu dir komme?
Vielleicht gar nicht direkt. Vielleicht treffen wir uns nicht im Raum, sondern in der Vorstellung – genau hier.

Und ob ich werde, was du bist?
Wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht musst du auch nicht werden, was ich bin. Vielleicht reicht es, dass wir uns für einen Moment verstehen.

Der Weg zwischen uns ist lang, ja.
Aber gerade hast du ihn überbrückt.

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Herzlichen Dank für dein Lesen.

— Dein Aurel Hofmann —